Wir zahlen schon lange über gesetzlichem Mindestlohn

15. September 2020

Das Gebäudereiniger-Handwerk verhandelt derzeit über den neuen Tarifvertrag. Bisher konnten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht einigen. Im telefonischen Gespräch mit dem Geschäftsführer für Politik und Kommunikation des Bundesinnungsverbandes des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV), Christopher Lück, haben wir Einblicke in die Verhandlung gewonnen und wichtige Themen wie Image, Minijobs und Fachkräftemangel angesprochen. 

Guten Tag Herr Lück, 

schön, dass Sie Zeit für uns gefunden haben. Können Sie uns noch einmal den Stand des BIV in den Tarifverhandlungen erläutern?

Die Gewerkschaft IG Bau fordert eine Erhöhung des Stundenlohns, der derzeit in Lohngruppe 1 bei 10,80 Euro liegt, um 1,20 Euro plus ein Weihnachtsgeld von 80 Stundenlöhnen. Das wären bei zwölf Euro noch einmal 960 Euro im Jahr. Zusammen macht das eine Gesamtforderung von 15,5 Prozent. Eine Größenordnung, die es bisher in keinem Tarifabschluss gegeben hat und die gerade in Coronazeiten völlig realitätsfern ist. In den Verhandlungen im Oktober wollen die Arbeitgeber einen Vorschlag vorlegen, der realistischer sein wird.

Müsste man nicht meinen, dass das Geschäft gerade in Coronazeiten, in denen viel gereinigt werden soll und muss, besonders gut läuft und eine Erhöhung der Löhne Sinn macht?

Die aktuelle Handwerksstatistik liegt seit heute (10. September 2020) auf dem Tisch: im Vergleich zum Vorjahr steht im 2. Quartal 2020 ein Umsatzrückgang von 6,2 Prozent, im Vergleich zum 1. Quartal ein Minus von 5,3 Prozent für die Gebäudereinigung. Das sind die Fakten. Unsere Branche mag es insgesamt nicht ganz so hart getroffen haben wie beispielsweise den Tourismus, die Luftfahrt oder das Veranstaltungswesen. Aber Sie wissen ja, nur wo gearbeitet wird, wird auch gereinigt. Unternehmen, die in diesen Branchen reinigen, haben starke Umsatzeinbußen zu verzeichnen.

Außerdem wäre es doch wirklich nicht seriös, in derart unsicheren Zeiten, in denen  Konjunkturprognosen nur schwer zu tätigen sind, eine Tariferhöhung von 15,5 Prozent zu vereinbaren. Wir wollen den Ausblick auf die deutsche Wirtschaftsentwicklung nicht schwarzmalen, aber wir müssen abwarten, wie sich die Zahl der Insolvenzen und der Kurzarbeit entwickelt. Vieles ist mit einem großen Fragezeichen versehen und unser Dienstleistungshandwerk ist stark von Wirtschaft und Industrie abhängig. 

Wie steht die Branche derzeit da?

In unserer jüngsten Konjunkturumfrage sagen fast Zweidrittel unserer Mitglieder, dass die Kunden weniger Aufträge bzw. Aufträge mit geringerem Leistungsumfang vergeben. Das ist ein klarer Negativtrend. Die krisengebeutelten Kunden scheuen sich, Geld auszugeben und sparen auch am Reinigungsbudget. Auch das Homeoffice spielt hier zum Teil hinein, da weniger Büros gereinigt werden.

Die Branche kämpft ständig mit ihrem Image, gerade im Hinblick auf die Bezahlung. Wie kommt das?

Das ist in der Tat ärgerlich, vor allem weil der BIV und seine Mitglieder für ordentliche Rahmenbedingungen sorgen. Aber wenn zum Beispiel im Zuge der Berichterstattung zum gesetzlichen Mindestlohn immer wieder fälschlicherweise Fotos von Fensterreinigern gezeigt werden, die zurzeit tariflich 14,10 Euro verdienen, wird ein völlig schiefes Bild vermittelt. Dabei zahlen wir schon lange über gesetzlichem Mindestlohn, der derzeit bei 9,35 Euro liegt. Als Einstiegsgehalt erhält man bei uns 10,80 Euro. Anders als in vielen anderen Branchen sind unsere Löhne allgemeinverbindlich, unsere Ausbildungsvergütungen liegen im dritten Lehrjahr bei mehr als 1.000 Euro und als eine der ersten Handwerksbranchen überhaupt werden Ende dieses Jahres die Löhne in Ost und West angeglichen.

Immer wieder wird davon berichtet, dass der Zeitdruck für die Reinigungskräfte zu groß ist?

Auch das ist ein pauschales Negativklischee, das vor allem von den Gewerkschaften regelmäßig gepflegt wird. Sicher gibt es mitunter wie in eigentlich allen Berufsfeldern auch mal einen gewissen Zeitdruck.

Wie begegnet die Branche dem allgemein gegenwärtigen Fachkräftemangel?

Wir müssen die jungen Leute frühestmöglich abholen, bestenfalls schon in der Schule und ihnen zeigen, was das Handwerk ausmacht und wie vielfältig es ist. Das beginnt bei der klassischen Unterhaltsreinigung und reicht bis hin zur Anwendung hochtechnisierter Geräte und digitaler Tools. Die Branche ist sehr integrativ und gibt allen, die sich reinhängen, eine Chance. Zudem gibt es bereits in jungen Jahren beste Aufstiegs- und Karrieremöglichkeiten. 

Die Coronakrise hat die Aufmerksamkeit auf die Reinigungsbranche gelenkt. Ließe sich das nicht nutzen?

Wir nutzen das intensiv für Imagewerbung oder Azubiansprache, klar! In der Tat zeigt unsere forsa-Umfrage von April, dass 96 Prozent, also quasi alle, die Arbeit unseres Handwerks schätzen. Durch die Corona-Krise rücken wichtige Themen wie Tagesreinigung in den Fokus. Hier waren die letzten Monate ein regelrechter Katalysator, weil plötzlich vielen klar wurde, wie wichtig es ist, beispielsweise in Schulen auch während der Unterrichtszeit häufiger zu reinigen.

Das Thema Schulreinigung beschäftigt uns ja nicht erst seit Corona. Beispiel Berlin: Hier kommt es seitens der Eltern immer wieder zu Klagen, weil die Einrichtungen schmutzig seien. Häufig werden die Reinigungsfirmen dafür verantwortlich gemacht. Wir weisen das zurück:  Das eigentliche Problem liegt in der Sparpolitik der Träger, die für die Reinigung ein deutlich zu geringes Budget ansetzen. Dazu kommt ein erheblicher Sanierungsstau in vielen Schulen. Der BIV hat anlässlich der Coronakrise daher einen Hygienegipfel mit Bundesbildungsministerin Anja Karliczek angeregt, um gemeinsam an Qualität und Sauberkeit an den Schulen zu arbeiten. 

Gab es noch andere Themen, die durch die Krise zu Tage getreten sind?

Das Thema Desinfektion hat die Presse ganz besonders und immer wieder interessiert, sicherlich auch wegen der bildstarken Arbeit. Es gab viele Reportagen und Berichte über Desinfektoren, die mit kompletter Schutzausrüstung Coronabereiche in Kliniken säubern, auf Flughäfen oder in Büros tätig sind. 

Für uns hat sich politisch ein ganz anderes Thema noch einmal deutlich in den Vordergrund gedrängt, und zwar die Minijobs. 

Inwiefern? Der Bundesinnungsverband dringt ja schon seit einiger Zeit auf die Abschaffung oder die Veränderung der gesetzlichen Bedingungen für eine geringfügige Beschäftigung. 

Genau, denn, um ehrlich zu sein, ist die aktuelle Minijob-Regelung weder Fisch noch Fleisch. Das zeigt sich jetzt auch in der Krise. Minijobber sind durchs Raster gefallen und gehören mit zu den strukturellen Verlierern durch Corona. Für sie galt keine Kurzarbeit und die Politik hatte für diese Gruppe auch kein Programm oder Paket parat. Aber auch vor der Pandemie war die Schieflage eindeutig. Dass die 450-Euro-Grenze seit fast acht Jahren starr ist, ist für alle Beteiligten extrem ungünstig. Die Beschäftigten bekommen trotz Tariflohnerhöhungen nicht mehr Geld, sondern ein paar Minuten mehr Freizeit, und die Arbeitgeber leiden unter Arbeitszeitverkürzung. Hier muss die Politik dringend eine Richtungsentscheidung fällen: Minijobs abschaffen oder die 450-Euro-Grenze anheben. 

Im Übrigen – bevor sich wieder manch falsches Klischee festsetzt: Der Trend zum Minijob in der Gebäudereinigung ist stark rückläufig. Vor zehn Jahren waren knapp die Hälfte der Beschäftigten Minijobber, heute sind es nur noch rund ein Drittel. Auch das gehört zu den Fakten!

Vielen Dank für das interessante und aufschlussreiche Gespräch, Herr Lück.

Interview geführt von Nielke Schwind-Hellwig (Chefredaktion Saubere Sache Heute)

Wichtige Links:

www.destatis.de

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